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Sie sind Frauen, sie sind viele, sie hatten die Schnauze voll: Die Chiffre 68 wäre ohne die 68erinnen nicht denkbar. Allerdings werden die „Damen der Revolte“ in den historischen Diskursen wahrlich wenig wertgeschätzt. Im Fokus der Aufmerksamkeit stehen nach wie vor die Herren Dutschke, Kunzelmann oder Cohn-Bendit.

Die Journalistin Ute Kätzel portraitiert in dem Buch mit dem ebenso schlichten wie pointierten Titel „Die 68erinnen“ vierzehn Frauenschicksale. Dabei melden sich auch überaus prominente Frauen der Bewegung zu Wort wie die Ehefrau von Rudi Dutschke, Gretchen Dutschke-Klotz, Mitbegründerin des Aktionsrates zur Befreiung der Frauen Helke Sander oder Dagmar Przytulla, Mitglied der berühmt-berüchtigten Kommune I. Durch die Gespräche, die die Autorin mit den Protagonistinnen führte, entsteht ein lebendiges Bild der Aktvistinnen und ihres persönlichen Schicksals.

Dabei vermittelt Ute Kätzel auch interessante Hinweise auf die Kommune I Ost und auf die Kommune II. In ihren Erinnerungen sparen die Pionierinnen nicht aus, dass die Solidarität mit der Bewegung oftmals auch den Bruch mit der Familie bedeutete. Rückblickend ist so das Portrait einer dynamischen Frauengeneration entstanden, die es verstand ihren Weg zu gehen. Und einer neuen Frauenbewegung den Weg ebnete.

Gut verständlich und thematisch gegliedert liefern die Interviews, bei denen der Autorin anzumerken ist, dass sie die Interviewten mit Bedacht auswählte, viele Denkanstöße abseits des Forschungsinteresses. Thematisiert wird nicht die Frauenbewegung per se, sondern die Frauen der Bewegung.

Ute Kätzel: Die 68erinnen. Porträt einer rebellischen Frauengeneration Rowohlt Verlag, Berlin, 319 Seiten,  2008, 22,90 Euro ISBN 978-3-89741-274-3

Manchmal ist es nur ein schmaler Grad zwischen Antifaschismus und Antisemitismus. Mehr als dreißig Jahre danach löst Wolfgang Kraushaar das Rätsel um die Bombe im jüdischen Gemeindehaus. Zünden sollte sie am 9. November 1969 – für die Bundesrespublik ein mehrfach geschichtsträchtiges Datum: Auf diesen Tag entfallen die Reichsprogromnacht 1938 und der Fall der Berliner Mauer 1989.

Wolfgang Kraushaar benennt gleich noch einige Ereignisse mehr und bezeichnet den 9. November als eine Art Brennglas, in dessen Licht sich die Extreme der deutschen Geschichte des letzten Jahrzehnts bündeln. Wie dem auch sei: Auf der Gedenkveranstaltung zur 31. Reichsprogromnacht in der Berliner Fasanenstraße sollte  die Bombe detonieren. Anwesend waren 250 Menschen, die an die schrecklichen Verwüstungen und die grausamen psychischen Folgen erinnerten. Doch die Bombe zündet nicht.

Historisch gesehen hat sich der Perspektivwechsel auf das jüdische Volk bereits 1967, vor dem eigentlichen Höhepunkt der internationalen Studentenrevolte, vollzogen. Seit dem 6-Tage Krieg, in dem die Israelis die Ägypter besiegten, erscheinen sie in den Augen der Täter nicht länger als Opfer sondern vielmehr als Täter. Eine mögliche tiefenpsychologische Erklärung für diesen Standortwechsel ist der „Schuldabwehrmechanismus“, den der Sozialwissenschaftler näher erläutert.

Wolfgang Kraushaars diffizile Recherche vermochte das, was Medien und Kriminalistik nicht leisten konnten. Albert Fichter bekennt sich zu der Tat und avanciert somit gleichzeitig zu einer Symbolfigur für die rückhaltlose Identifikation mit den Palästinensern. Allerdings hat Chefideologe Dieter Kunzelmann im Hintergrund die Fäden gezogen, so dass Albert Fichter wie eine bloße Marionette des Puppenspielers Kunzelmanns erscheint. Dennoch ist das Thema linker Antisemitismus noch heute genauso tabuisiert wie aktuell.

Wehret den Anfängen – dem Zerfallsprodukt der Außerparlamentarischen Opposition wachsen wie einer Hydra neue Köpfe: Aus ihr resultieren die Haschrebellen, schließlich die terroristischen Organisationen „Bewegung 2. Juni“ und die „Rote Armee Fraktion“. Wolfgang Kraushaar beleuchtet die bisher vergleichsweise schlecht erforschte „Zerfallszeit“ zwischen APO und Terrorismus.

„Die Bombe im jüdischen Gemeindehaus“ ist informativ, präzise und wissenschaftlich. Wolfgang Kraushaar hat ein sehr wichtiges Buch vorgelegt, welches sich zu lesen lohnt. Der Leser gewinnt so viele neue Eindrücke und Informationen, unabhängig davon, ob er sich bereits ernsthaft mit dem Thema auseinander gesetzt hat oder ob es eine Einstiegslektüre ist.

Wolfgang Krauhaar: Die Bombe im jüdischen Gemeindehaus, Hamburger Edition, Hamburg 2005,
ISBN-103936096538
ISBN-139783936096538
Gebunden, 300 Seiten, 20,00 EUR

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