You are currently browsing the category archive for the ‘1’ category.
Meine größte Sorge hat sich nicht erfüllt. Die Wiese hat sich nicht in einen schlammigen Trampelpfad verwandelt, der von mir erwartete Regen ist ausgeblieben. Umso besser! Ich bin fast schon ein bisschen froh, dass ich mir nicht extra für das Konzert Gummistiefel angeschafft habe. Obwohl –Gummistiefel kann man immer gebrauchen. Vorausgesetzt, man fährt gerne aufs Festival oder auf ein Open Air. Vielleicht ist es nur einfach so, dass ich insgeheim gerne Gummistiefel hätte, einfach um welche im Schrank stehen zuhaben. Für den Fall der Fälle sozusagen. Auch wenn ich sie gar nicht brauchen sollte …
Bei den „Zauberhaften Abenden“ habe ich sie schließlich auch nicht wirklich vermisst. Aber nun genug der Gummistiefel. Wir erinnern uns: Bei den „Zauberhaften Abende“ geben sich an drei Tagen im August unterschiedliche Künstler die Klinke in die Hand und spielen vor der wirklich zauberhaften Kulisse des Schloss Herdringens. Zufälligerweise bin ich vor weit mehr als zwanzig Jahren in unmittelbarer Nähe der Grafschaftauf gewachsen. Sozusagen im Nachbardorf. Grund Genug wieder einmal die alte Heimat zu besuchen. Und als Sahnehäubchen dann noch ein wirklich fantastisches Line Up zu genießen!
Dieses Jahr waren wir – „wir“ das sind ich und mein Freund – am Samstag mit von der Partie. Für den Samstag gab es nämlich, im Gegensatz zu den anderen zwei Terminen, ein schlagendes Argument. Und das war der von mir verehrte Clueso. Ein weiteres Argument waren die ebenfalls von mir geschätzte Band „Wir sind Helden“, auf die sich allerdings besonders meine bessere Hälfte freute. Pohlmann wollte dagegen niemand von uns beiden sehen. Den gab es sozusagen gratis obendrauf.
Max Prosa
Max Prosa, genauso wie auch Clueso von „Flughafen“ produziert und beim Open Air der Support, überzeugte mit deutschen Texten und rauchig-markanter Stimme. Seinesträhnigen braunen Haare fielen ihm immerzu ins Gesicht. Manchmal wirkte er einwenig verplant, wie er dort oben auf der Bühne stand und mit dem Publikum sprach. Das schmälerte allerdings nicht den sympathischen Gesamteindruck. Natürlich, keine Spur von Arroganz oder Überheblichkeit. Max Prosa kann nur gewinnen, schließlich steht er noch ganz am Anfang seiner Karriere.
Pohlmann
Bisher kannte ich von Pohlmann nur einige wenige Songs. Kein Album, kein Konzert,keinen Bericht. „Wenn jetzt Sommer wär“, „Für Dich“ oder „Wenn es scheint, dass nichts gelingt“ sind so Hits, die im Radio rauf und runter laufen. Zumindestwenn man gelegentlich „Eins Live“ einschaltet. Das Publikum schien Pohlmann zu lieben. Es sang eifrig die Hits des Hamburgers mit, der während seiner Moderation auch immer wieder über seine Wahlheimat erzählte.
Wir sind Helden
„Wirsind Helden“ hätte ich mir anders vorgestellt. Sängerin Judith Holofernes wirktewie die Prototyp Berlinerin: Schwarzes Kleid im Secondhand Look und abgetragene, gelbe Lederstiefel. Dunkelblonde Haare rahmten ihr Gesicht. Und scheinbar hatte Frau Holofernes, genauso wie der Rest der Band, keine Ahnung, wo sie sich eigentlich befindet. Um dies zu kaschieren, erzählte sie immer wieder von dem „schönen Ort“. Auf den Zwischenruf eines Zuschauers, wo sie denn hier eigentlich sei, reagierte die Frontfrau erst gar nicht. Genauso wenig wusste sie, ob das Gemäuer, in dem die Gespenster hausen, eigentlich eine Burg oder ein Schloss ist?! Fairerweise muss ich sagen, dass auch wenn ich das Gerede von ihr ein wenig „strange“ fand, die Musik der Helden und der Auftritt wirklich großartig waren.
Clueso
In der Zwischenzeit standen die Sterne bereits am Himmel, als auch meinpersönlicher Stern am Musikerhimmel zu leuchten begann: Clueso. Vollmundig erzählte ich meinem Freund, dass ich jedes Lied mitsingen könnte, immerhin hätte ich ja alle fünf Alben zu Hause. Im Laufe des Konzerts musste ich mir dann allerdings eingestehen, dass es bei den neueren Alben noch nicht ganz fürdie hundertprozentige Textsicherheit reicht. Aber ich arbeite daran! Obwohl ich den Kampf um die erste Reihe leider verloren hatte, ich hatte es nur in dieZweite geschafft, war es ein ganz großartiges Gefühl, auch einmal die ganzeBand näher in Augenschein nehmen zu können. Vor mir standen kreischende Teenager und ich mitten drin! Dabei war das Publikum auch altersmäßig buntgemischt, bei den Jüngeren war aber offensichtlich der Ehrgeiz größer sich indie erste Reihe zu schlagen. Übrigens sehr zu meinem Leidwesen! Clueso bot uns dann eine opulente Bühnenshow, die mit ihren Lichteffekten für Eindruck sorgte.
Am Ende des Abends wankten wir dann zufrieden von dannen und versicherten uns noch einmal, dass es bis dahin ein wirklich großartiger Abend war … Für uns war der Abend dann allerdings noch nicht ganz zu Ende, denn es ging noch auf den Geburtstag eines guten Freundes. Aber das ist eine andere Geschichte. Vielleicht habe ich mir bis zum nächsten mal für die “Zauberhaften Abende” Gummistiefel angeschafft. Nur um dann festzustellen, dass ich sie wieder nicht brauche. Man wird sehen!
Wir kamen viel zu früh auf dem Gelände des Zeltfestivals Ruhr an. Die verbleibende Zeit vertreiben wir uns mit Bier, Cola und Latte Macchiato. Um 22 Uhr hieß es dann endlich Feuer frei für den Gernsehclub mit Oliver Kalkhoffe (45) und Bastian Pastewka (39). Das erhoffte Feuerwerk der guten Laune bleibt allerdings aus.
Herzblatt, Dalli, Dalli, Wetten Dass …?
Die Show sollte interaktiv sein, zum Mitmachen und Mitraten. Ich rätselte bereits, welche großen Momente der Fernsehunterhaltung, die im Vorfeld großspurig angekündigt wurden, das hätten sein können: Dalli, Dalli, Herzblatt oder vielleicht Wetten Dass …? Fehlanzeige! Das Beste was das Fernsehen jemals zu bieten hatte kommt – wenn wundert´s – von Pastewka und Kalkhoffe selbst. Dass ich da nicht gleich drauf gekommen bin! Dumm nur, dass wir das Dargebotene als eingefleischte Pastewka Fans weitestgehend kannten. Und die anderen rund 500 anwesenden Fans vermutlich auch.
“I´ve been looking for Frühling”
Die Stimmung im Zelt war trotzdem bombig, auch wenn sich die Reihen mit der Zeit ein wenig lichteten. Schwer zu sagen, ob das dem Umstand geschuldet war, dass der letzte Busshuttle bereits vor Ende der Show das Gelände verließ oder einige der Fans einfach enttäuscht waren?! Los ging´s schließlich mit der Volksmusik-Satire „Fröhlicher Frühling“, in dem David Hasselhof „I´ve been looking for Frühling“ performte. Ein Fan wollte in der interaktiven Fragerunde sogar wissen, ob Mister Baywatch überhaupt wisse, dass er bei der Verarsche des Mutantenstadels aufgetreten sei. „Erklärt habe man ihm es“, sagte Bastian Pastewka.
Die zwei Komiker beglückten uns mit Klassikern von Kalkhofes Mattscheibe und eine Folge Pastewka. Besonders Kalkhoffes bissige Satire hatte es mir angetan. Davon überzeugen konnte ich mich allerdings nur dann, wenn Kalkoffe die abgrundtief peinliche Guilia Siegel mit ihrem Pro 7 Format „Guilia in Love“ oder die Sat1 Sendung „Gräfin gesucht“ vorführte. Sicherlich hat sich das Management nicht zufällig für Sendungen aus der Pro7/Sat1 Gruppe entschieden, schließlich sind das die beiden Haussender der Comedians.
Schulterzucken zur Filmusik
Ein besonderes Bonbon war dann allerdings Bastian Pastewkas Schulterzucken zur Filmmusik, die ihm auf einem Kopfhörer eingespielt wurde. Die Zuschauer mussten – was nahezu unmöglich war – raten, zu welchem Lied der Comedian gerade rhythmische Bewegungen vollführte. Großes Kino!
Zum Schluss konnten sich die Fans noch ein Autogramm signieren lassen. Stars zum Anfassen sozusagen. Bastian Pastewka nahm sich für jeden Einzelnen sehr viel Zeit, Oliver Kalkhoffe fragte immerzu, ob jemand noch eines wolle und mein Freund war sehr glücklich darüber, dass wir ein Autogramm für uns beide bekommen hatte. Als ich beim nächsten Tag mit dem Auto ins Sauerland fuhr, sang in meinem Kopf eine Stimme „I´ve been looking for Frühling.“ So schlecht kann der Abend also doch nicht gewesen sein …
Fertig, Los stehen kurz vor ihrem großen Durchbruch. Im Essener Grend heizten die Indie Popper ihr Publikum am Freitag, 25. Februar mächtig ein. Mit schrammeligen Gitarrensound und starken Texten beherrschten sie souverän die Bühne. Frei von Popstar Allüren, wahnsinnig sympathisch, beispielhafter Indie Sound – das sind Fertig, Los.
Jungenhaft und beinahe unschuldig betrat der Frontmann Phillipp Leu die Szenerie. Er entschuldigte sich zunächst für den Ausfall des Supports “Smiller”, die das Publikum mit ihrem Gitarrenpop auf Fertig, Los einstimmen sollten. Stattdessen mimte sein Alter Ego “Mexican Hasselhoff”, “Alles nur geklaut” von den Prinzen und “Alles wird sich ändern” von Echt, um dem “kollektivem Gedächtnis des Publikums” auf die Sprünge zu helfen.
Den Zuschauern gefiel der spontan improvisierte Ersatz für die Vorband. Es lachte herzhaft mit “Mexican Hasselhoff” alias Phillipp Leu. Er, der mutig den Alleinunterhalter gab, dürfte noch mehr Sympathien gewonnen haben. Kurz vor seinem Bühnenabgang scherzte er: “Vielleicht gibt´s demnächst auch eine Seite bei Myspace von Mexican Hasselhoff”.
Die Feuertaufe hatte Sänger, Gitarrist und Songwriter Phillipp Leu bereits überstanden, als schließlich dann auch der Rest der Band die Bühne erklomm. Mit seinen Bandkollegen stellten die Indie Popper Songs aus ihrem aktuellen Album “Pläne für die Zukunft” vor. Ein besonderes Bonbon: Ähnlich wie bei den “Subways”, wo die weiblichen Mitglieder den Bass zupfen, ist auch Julia Fiechtl Bassistin und teilweise Liedsängerin des Trios – und macht dabei eine gute Figur. Sie begleitet ihre Bandkollegen Florian Wille am Schlagzeug und Simon Schankulla an der Gitarre. Simon Schankulla gehört im eigentlichem Sinn nicht zu Fertig, Los, supported seine Kollgen allerdings bei Live Auftritten.
Natürlich durften bei diesem Konzert auch die “Klassiker” der Gruppe nicht fehlen: “Mit wenn Du mich brauchst” vom aktuellen Album “Pläne für die Zukunft” oder “Ich drehe mich nicht um”, “Ein Geheimnis” oder dem politischen Stück “Links, Rechts, Links” vom Album “Das Herz ist ein Sammler” zeigten Fertig, Los, was sie alles drauf haben.
Neben einigen Chartplatzierungen, die die Band bereits für sich verbuchen konnte, spielte sie auch im Vorprogramm namhafter Künstler: Im Juni 2010 traten sie im Vorprogramm von Pink und im Juli 2010 von Amy Mcdonald auf.
Meine Mutter sitzt mir quer gegenüber, uns trennt der Küchentisch. Sie sieht ein wenig verwundert aus, freut sich aber, dass ich sie frage. Sie soll mir etwas über den Krieg erzählen. Ich will wissen, wie sehr der zweite Weltkrieg ihr Leben verändert hat. Sie ist ein Kriegskind, 1943 geboren. Aufgewachsen zwischen Trümmern und Armut, herein geboren in die Zerwürfnisse der Geschichte.
“Ich weiß nicht mehr viel, ich weiß nur noch dass, was deine Oma mir erzählt hat”, sagt sie. Es fällt ihr schwer, nach der Erinnerung zu suchen. Sie fängt an zu erzählen, unchronologisch, wirr, mit einer eigenartigen, aber ihr eigenen Ausdrucksweise. Ich hake nach, ich muss oft fragen, um zu verstehen.
Der Vater
“Die Oma sagte, dass er in Russland gefrorene Kartoffeln und Futterrüben essen musste.” “Er”, dass ist ihr Vater, den sie niemals richtig kennen lernen sollte. Mit der “Oma” meint sie meine Großmutter, ihre Mutter. “Futterrüben, die haben normalerweise die Kühe zu Fressen bekommen”, ergänzt sie. Er sei in Russland stationiert gewesen, wann und wo genau, dazu hat sie keine Informationen. Gesichert ist, dass er später verwundet in ein Lazaret nach Branice im heutigen Polen verlegt wurde. Vergilbte Fotos in einem alten Familienalbum zeigen den ausgemergelten Mann, wie er sich mit weiteren Insassen ein Krankenzimmer teilt.
Am Kriegsende kam er aus ungeklärten Gründen nach Schkeuditz, im Landkreis Nordsachsen, wo er an einem bösartigen Magengeschwür verstarb. “Er war Steinsetzer von Beruf und hat gutes Geld verdient”, weiß meine Mutter. Davon habe die Oma, eine gottesfürchtige Frau die nie wieder geheiratet hat, immer profitiert. Sie habe eine gute Witwenrente erhalten Die Frau, die mir gegenüber sitzt, während ich eifrig protokolliere, weiß nicht mehr, wann ihr Vater ums Leben kam: Ob es 1945 oder sogar 1946 war? Er wurde 36 oder 37 Jahre alt, hat zwei Weltkriege erlebt, 1939 geheiratet, wurde kurz nach der Heirat einberufen, hat zwei Kinder gezeugt.
Viel Elend, ein zu kurzes, trauriges Leben, um von einem erfüllten Dasein sprechen zu können. Zu lang liegen die Ereignisse zurück, zu wenig wurde darüber in ihrer Familie gesprochen. Ich sollte doch ihre Schwester fragen, sagt meine Mutter, die sei drei Jahre älter und wüsste vielleicht noch ein bisschen mehr. “Ich kenne meinen Vater nicht. Ich war ein Jahr alt, als ich ihn das letzte mal sah.” Und sie erzählt weiter. Berichtet von der Kindheit ohne Vater. Von ihrem Opa, der den kleinen Wildfang mit den roten Haaren sehr mochte, erzählt sie mir heute nicht. Und doch weiß ich, dass es ihn gab. Die einzige männliche Bezugsperson, in einem durch und durch von Frauen geführten Haushalt.
Die Kindheit
“Sie haben mich als Baby rumgetragen und wenn die Bomben explodiert sind, dann habe ich vor Schreck angefangen fürchterlich zu weinen. Die Angst ist mir bis heute geblieben”, erinnert sich meine Mutter. Das junge Mädchen, dass im deutschen Osterdorf geboren wurde, flüchtete vor den Kriegsunruhen mit ihrer Familie über die Grenze in die nahe gelegene Tschecheslowakei. “Ich war später noch zweimal da”, erinnert sie sich. Wie ein Täter, der immer wieder den Tatort aufsuchen muss. Es gibt Bilder, die lassen sie nicht los, sondern begleiten sie ein Leben lang. Einmal hat sie auch mich dorthin mitgenommen. Aber für mich war es nur ein Ort. Ein Ort mit viel Grün, gepflegt, mit schönen Geschäften.
Die Flucht in den Westen, die viele der Verwandten angetreten sind, sollte nicht so recht glücken. “Wir hatten bereits eine Pferdekutsche voll gepackt, aber die Tante hat uns wieder von der Kutsche runter gezogen und sagte: `Wir werden nicht fahren. Wir werden nicht verhungern fahren.´” Und so blieb das kleine Mädchen in Osterdorf, aus dem schon rasch Niekazanice werden sollte. Aus dem deutschen Staatsgebiet, war inzwischen polnisches geworden.
“Für einen Betrag von 20 Sloty, das entspricht einem damaligen Wert von zwei Broten, haben wir die polnische Staatsbürgerschaft angenommen.” Man versuchte sich zu assimilieren. Aber dennoch fühlte sich diese Familie als Deutsche innerhalb einer polnischen Mehrheit. “Für die Oma war das überhaupt nicht gut. Von den Polen wurde sie als Deutsche beschimpft. Auch wir Kinder wurden beschimpft.”
Flucht nach vorn
Mehr als dreißig Jahre später lernt sie meinen Vater kennen. Im Sommer 1980 besucht er sie in Polen, die Verwandtschaft kennt sich untereinander, ein Kontakt wird hergestellt. Rasch wird geheiratet, man hat nicht viel zu verlieren. Am zweiten Weihnachtsfeiertag verlässt meine Mutter Polen. Für immer. Es ist eine Reise ohne Wiederkehr. Ihre Mutter, meine Oma, nimmt sie gleich mit ins “gelobte Land”. “Als wir raus gefahren sind, lag wahnsinnig viel Schnee”, sagt meine Mutter. “Raus gefahren” – eine geflügelte Redewendung, die nur sie benutzt. Es klingt immer noch nach Flucht.
“Es war schwierig den Antrag bewilligt zu bekommen.” Wieder gerät meine Mutter in den Strudel der Geschichte. Die polnische Befreiungsbewegung Solidarność ist im vollen Gange, die Behörden haben momentan andere Probleme. Solidarność läutet bereits das Ende des Ostblocks ein, der neun Jahre später schließlich in sich zusammen bricht. Sie landet, zusammen mit meiner Oma, zunächst im Flüchtlingslager Friedland in Göttingen. Mutter weiß nur Gutes über es zu berichten: Es sei recht komfortabel gewesen. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Friedland kann sie Sylvester bereits in ihrer neuen Heimat verbringen. Sie hat es nicht bereut.
Idyllisch im schönen Sauerland gelegen, inmitten Wiesen, Wäldern und kleinen Gewässer, finden nun bereits zum dritten Mal die „Zauberhaften Abende“ statt. Wo sonst nur Grün zu sehen ist, ist für diesen Anlasse eine kleine Zeltstadt aus der Traufe gehoben worden. Der Mittelpunkt, eine große Bühne auf der „Die Sterne“, „Dendemann“ und „Fettes Brot“ das Open Air am Donnerstag eröffneten.
Petrus meinte es gut mit den tausenden von Besuchern beim Herdringer Open Air. Ab und zu nieselte es ein bisschen, dies schadete der guten Stimmung aber keineswegs. Noch ein wenig verhalten feierten die Sauerländer dann Frank Spilker von den Sternen. Der Frontmann brillierte mit Rock-Star Attitüden. Er kündigte kurzerhand den falschen Song an, völlig unbeabsichtigt natürlich. Den Zuschauern dürfte dies allerdings nicht weiter aufgefallen sein. Genauso wenig war den Anwesenden klar, dass „Die Sterne“ eigentlich eine große Nummer sind, absoluter Kult und Vertreter der Hamburger Schule. Sehr gut erkennbar war dies am verhaltenen Klatschen und dem ahnungslosem Kommentaren eines ahnungslosen jungen Manns mit Brille. „Äh ja, hier hat gerade so `ne Vorband gespielt, keinen Plan wie die heißt, jetzt kommt der Dende…“
Aber der Sauerländer mag es – ganz seinem Naturell entsprechend – lieber etwas derber und freute sich deshalb sehr auf den Dendemann. Rhytmisches Hin- und Her und Auf- und Ab wippen des rechten Arms zeichneten die Aktionen des Publikums aus. Der Dendemann bot allerfeinsten Hip-Hop und sah dabei aus wie ein Klischee-Ruhr-Pott-Prolet. Dabei ist der Mitdreißiger eigentlich Exilsauerländer, denn er kommt ursprünglich aus Menden. Den Heimvorteil klar auf seiner Seite, eroberte er die Herzen des Publikums im Sturm.
Die Jungs von Fettes Brot standen nicht zu dritt, sondern zu elft auf der Bühne. Die Hip-Hopper hatten sich Verstärkung geholt und unterstrichen ihren Sprechgesang mit vermehrt klassischen Instrumenten. Neben den Hits der Broten „Bettina“ oder „Emanuela“ brachten die Künstler auch weniger bekannte Songs auf die Bühne und ermöglichten einen Einblick in ihr vielfältiges Schaffen. Mit einer riesigen Lichtshow hatten die Hamburger das imposanteste Bühnenprogramm auf die Beine gestellt. Mit witzigen Moderationen, die Brote bezogen sich auch auf das Publikum, rockten Fettes Brot die Massen.
Aber nicht nur die Musik sorgte für Begeisterung: Für Schleckermäuler gab es den Haribo Stand. Verliebten seien die Holzklappbänke unter den Bäumen empfohlen: Von hier aus hat man einen super Blick auf die Konzerte und man kann sich gleichzeitig noch in romantischer Atmossphäre – spätenstens wenn es dunkel ist – an den Geliebten oder die Geliebte kuscheln. Alles in allem – wahrlich zauberhaft.
http://www.zauberhafte-abende.de/
Alexa Hennigs Gesellschaftsroman „Risiko“ erzählt eine Geschichte von Lust und Verlangen, von Moral und Verantwortung. In gewohnter henningscher Manier wirken die Protagonisten ein wenig pathologisch, wandeln auf dem schmalen Grad zwischen Wirklichkeit und Wahn.
Jahrelang bereitet Erik seine Kinder auf den Ernstfall vor. Er bringt ihnen bei, mit der Unterwasserharpune zu schießen, durchs Unterholz zu robben, in Brunnenschächte zu klettern, Birkenrinde und Maden zu essen. Die Katastrophe soll tatsächlich eintreten. Was lange unter der Oberfläche brodelt und vollkommen harmlos beginnt, bricht schließlich mit einem eruptiven Ausbruch aus. Eriks Ehefrau Lilly und Nachbar Helge, der scheinbar glücklich mit Irene verheiratet ist, erliegen ihren alten Gefühlen füreinander. Die zunächst harmlose Liason der Zwei entwickelt sich rasch zu einer rasanten Abwärtsfahrt mit ungewissen Ausgang. Zwischen gegenseitigen Verlangen und der Angst ihre Familien zu zerstören, ist es schließlich Irene, die ein bestialisches Spiel eröffnet. Sie will sich an Lilly rächen, denn sie hat ihr „ihren Mann weg genommen“. Zum Objekt der Begierde werden die Kinder von Erik und Lilly.
Spannend und mitreißend erzählt, ist Risiko ein packender, eindringlicher Roman, der den Leser nicht so schnell aufatmen lässt. Die Autorin zeigt eindrucksvoll, dass Liebe und Verlangen einen bitteren Beigeschmack haben können. Bildreich und verdichtet geschrieben führt Alexa Hennig von Lange die Falltiefe zwischenmenschlicher Beziehungen vor Augen.
Meine Mutter hat mich erst heute noch gefragt, ob ich den Weihnachten Gänsebraten mitessen würde und ich entgegnete „Nein“. Für mich gibts wahrscheinlich wieder eine Sonderration Fisch. Mama wurde in Oberschlesien geboren. Da isst man offensichtlich gerne Gänsebraten und zwar mit „Weihnachtstunke“. Und die hat es bisher jedes Jahr gegeben. Die blauen, roten und grünen Kugeln auf dem Tannenbaum wurden mit goldenen getauscht, die Weihnachtstunke blieb. Immer und jedes Jahr. Da verzichte ich schon seit Jahren liebend gerne drauf - ich nenne es seit Kindertagen schon Weihnachtsmatsche, weil das eine dickflüssige braune Soße ist, die mindenstens so eklig schmeckt wie sie aussieht und den Gänsebraten aufwarten soll.Letztens Jahr gab es für mich Lachs in Blätterteig, eindeutig die bessere Alternative zum Fest. So viel zum Gänsebraten. Mit Weihnachtsmatsche.
Eigentlich führt die Ich-Erzählerin Augusta ein belangloses Leben. Wäre da nicht ihre beste Freundin BE, ein Miststück, wie Augusta immer wieder versichert. Be ist eine Narzistin durch und durch – die Schuld am eigenen Versagen gibt sie ihren Mitmenschen. Diese sind nichts weiter als eine bloße Staffage auf ihrer kleinen Lebensbühne. Einsamkeit kompesiert Sie mit Spaß und Extase.
Auf der Suche nach sich selbst und ein bisschen Glück schlittert BE von einem Extrem ins Nächste. Sie liebt die Männer, verdreht ihnen städig den Kopf, sucht Kicks beim Sex oder als Feministin. Als BE aus ihrer vermeintlich spießigen Familienydille mit Karl und den Kindern ausbricht, landet sie bei einer Frau.
Zaungast Augusta bleiben die Ereignisse nicht verborgen. Und ganz nebenbei erkennt sie, dass das Leben mehr für sie bereit hält, als die Rolle der besten Freundin. Elke Naters Roman “Lügen” führt einem die Traurigkeit menschlichen Daseins vor Augen. Ihre Figuren sind gierig auf das Leben.
Dabei müssen sie die Abgründe und Klippen des Lebens umschiffen oder mit gängigen gesellschaftlichen Konventionen brechen. Die Erzählung changiert zwischen der kompletten Brandbreit menschlicher Empfindungen. Leicht verständlich und gut lesbar verbirgt sich hinter der einfachen Sprache Elke Naters wahre Tiefe.
