Staatsfeind, Charismatiker, RAF-Terrorist – Andreas Baader ist eine facettenreiche Figur. Viele Autoren haben sich bereits mit dem Phänomen Andreas Baader beschäftigt. So auch Klaus Stern und Jörg Herrmann. Nicht alles ist neu, was der Dokumentarfilmer und der evangelische Theologe zusammen tragen. Dennoch gelingt es ihnen interessante Aspekte aufzuzeigen und sich so dem Phänomen Andreas Baader zu nähern.

Dies liegt mitunter daran, dass die Autoren zahlreiche Interviews geführt haben. Beispielsweise mit Ello Michel, der Tochter von Andreas Baader, die heute in Paris lebt. Der Leser gewinnt durch sie zwar einen Einblick in die Vater-Tochter Beziehung, allerdings wird der Erkenntnisgewinn nicht wesentlich vergrößert. Vergleichsweise interessant ist dagegen die Darstellung seines Onkels Michael Kroecher, der als Schauspieler und Tänzer an renommierten Theatern aufgetreten ist. Oder die Gespräche mit Mutter Anneliese Baader, die noch im Altenheim froh darüber ist, das niemand wisse, wer sie wirklich sei.


Der Weg in den Untergrund

Es gelingt den Autoren herauszustellen, und das ist die eigentliche Leistung des Werks, dass der spätere RAF-Terrorist mit der 1968er Bewegung wenig am Hut hatte. Die Studentenbewegung ist eine willkommene Projektionsfläche für ihn, in der er endlich zur „Aktion“ schreiten kann. Der nonkonforme Andreas Baader, der zeitlebens aneckte und bereits in jungen Jahren straffällig wurde, kann so seine Mitmenschen in seinen Bann ziehen. Dabei inszeniert er sich selbst und hält sich nicht immer an die Wahrheit. Er behauptet, dass er ein Buch schreibt oder einen Film drehen will. Nichts davon ist wahr.

Eigentlich ist er arbeitslos, schnorrt sich durch und lässt sich von seinen Frauen aushalten. Er ist ein klassischer Anti-Held und Haustyrann. Erst die 1968er Bewegung gibt ihm eine Bühne. Ohne sie hätte er vermutlich die Geschichte der Nachkriegszeit niemals geprägt. Es folgt der Weg in den Untergrund, Attentate und Bekennerschreiben. 1972 ist es dann vorbei. Die Baader-Meinhof Gruppe wird inhaftiert.

Das große Scheitern

Doch Andreas Baader gibt nicht kampflos auf. Die Befreiung aus der Haft wird geplant. Die zweite Generation der RAF hat die Aufgabe, die Gefangenen zu befreien. Andreas Baader sollte allerdings nicht mehr in Freiheit gelangen. Nach einem gescheiterten Befreiungsversuch im Oktober 1977 begeht er, zusammen mit Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe, Selbstmord. Irmgard Möller überlebt schwer verletzt. Noch heute rätselt man über die genauen Todesumstände.

Die Biographie „Andreas Baader. Das Leben eines Staatsfeinds“ ist sehr lesenswert. Der reportagenartige Stil der Autoren lässt keine Langeweile aufkommen. Die Fotos dokumentieren anschaulich das Leben des einstigen RAF-Terroristen. Mit der Überblicksdarstellung gewinnt der Leser einen umfangreichen Überblick über das Leben des Staatsfeindes, allerdings weniger über die RAF.

Klaus Stern, Jörg Hermann: Andreas Baader. Das Leben eines Staatsfeindes
dtv, München 2006, 360 Seiten, 15 Euro