Feminismus ist tot. Wir brauchen keinen Feminismus, wir sind emanzipiert genug. Die lila Latzhose gehört in die Kleidersammlung, nicht in den Schrank. Wir feiern, rauchen, ver- und entlieben uns, haben Spaß und Geld, in punkto Bildung die Nase vorn. Was will Frau mehr? Im November 2008 feierten wir Jubiläum: Vor 90 Jahren durften wir zum ersten Mal wählen. Ein Meilenstein in der Geschichte der Emanzipation. Seitdem hat sich viel getan. Im Mai dieses Jahres steht der Gleichstellungsartikel 60 Jahre im Grundgesetz, das Gleichberechtigungsgesetz trat vor 50 Jahren in Kraft.
Die 68er haben uns den Weg geebnet. Mit dem Tomatenwurf auf der Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt wurde der Abgesang auf patriarchalische Strukturen eingeläutet. „Ich habe abgetrieben“ – so der Titel einer Kampagne des Sterns, die aufgedeckt hat, wie es in der deutschen Gesellschaft Anfang der 70er Jahre wirklich aussieht. Danke Feministinnen, ihr habt ausgedient! Unsere Gesellschaft ist liberal, uns steht die Welt offen, wir können alles erreichen, wenn wir bloß wollen. Aber warum blicken unsere Geschlechtsgenossinnen uns mit perleweißen Lächeln von Plakatwänden an und sitzen nicht in den Chefetagen der Werbeagentur?
Wir haben jetzt eine Bundeskanzlerin, dieses christdemokratische Alpha Weibchen ist allerdings die Ausnahme, die die Regel zu bestätigen scheint: Seit dem Bestehen der Bundesrepublik hat es über 100 Ministerpräsidenten gegeben und mit der Sozialdemokratin Heide Simonis nur eine Ministerpräsidentin. Die Gesellschaft wird auf diese Weise nicht repräsentiert, aber die patriarchalische Struktur in ihr. Was für die Politik gilt, gilt auch für die deutschen Chefetagen: In Großbetrieben mit mehr als 500 Angestellten ist die Frau eine selten gesichtete Spezies, mittelständische oder kleinere Unternehmen werden dagegen schon häufiger von Frauen geleitet. Im Europäischen Vergleich ist Deutschland bestenfalls Mittelmaß, was die Unternehmensführung von Frauen betrifft. Sogar in Frauendominierten Branchen, wie dem Gesundheitswesen oder dem Dienstleistungssektor gelangen die Geschlechtsgenossinnen nur selten die Führungsetagen. Sie sind mit 10% vertreten, was bedeutet, dass 90% der Männer auch in so genannten Frauenberufen die Hosen anhaben.
Viele Hochqualifizierte Frauen sehen sich mit der gläsernen Decke konfrontiert. Gläsern, da sich diese unsichtbare Hierarchieebene nicht überwinden lässt. Die Frauen erbringen die gleichen Leistungen – oder sogar noch bessere- als ihre männlichen Kollegen, wenn es um die Beförderung geht, haben sie allerdings das Nachsehen. Da ergattert der nette männliche Kollege den Job. Woran liegt das? Oftmals setzt der Personalchef stillschweigend voraus, dass Frau Kinder bekommt und die Firma sie somit zeitweise entbehren muss. Neben der männlichen Netzwerkstruktur haben die weiblichen Angestellten zudem mit tief in dieser Gesellschaft verankerten Vorurteil zu kämpfen, dass die weibliche Selbstverwirklichung in heimischen Gefilden stattfinden müsse.
Auch bei den Gehältern hat das weibliche Geschlecht das Nachsehen. Im Schnitt bekommen Frauen 22% weniger Gehalt für die gleiche Tätigkeit wie ihre männlichen Kollegen. Im EU- Durchschnitt beträgt der Gehaltsunterschied 15%, Deutschland liegt darunter. Frauen sind noch immer in schlechter bezahlten Branchen beschäftigt: Sie sind Frisörin, Krankenschwester oder Arzthelferin – klassische Frauendomänen. Dies liegt nicht zuletzt an einer geschlechtstypisch organisierten Arbeitsteilung – die vermeintlich klassisch weiblichen Eigenschaften wie Kreativität oder Einfühlungsvermögen haben in der Bundesrepublik nicht die Lobby, die männliche Attribute wie Willensstärke oder Durchsetzungsvermögen haben. Einmal Krankenschwester – immer Krankenschwester. Vielen dieser Berufe fehlt die Perspektive zur Weiterentwicklung, Selbstverwirklichung und Aufstiegschancen.
Während Frauen sich oftmals bewusst für Berufe entscheiden, in denen sie auch in Teilzeit arbeiten können, damit einer Familiengründung nichts im Wege steht, haben junge Männer immer noch das Alleinernährermodell im Hinterkopf. Deshalb frisiert uns seltener ein Mann die Haare oder bestückt die Regale im Warenhaus, diese Arbeiten werden einfach zu schlecht entlohnt. Ähnliches lässt sich auch für den akademischen Nachwuchs beobachten. Die weibliche Zunft immatrikuliert sich häufig in geisteswissenschaftliche Fächer, verbunden mit geringeren Gehaltsaussichten und schlechteren Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Der Lehrerinnen Beruf ist nicht zuletzt im Hinblick auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf beliebt – Teilzeitstelle vorprogrammiert.
Tatsächlich haben Frauen auf dem Arbeitsmarkt in den letzten Jahren mächtig aufgeholt, der Jahresdurchschnitt 2008 mit 8,2% Erwerbslosen lag dennoch vor dem der Männer mit 7,2%. Viele Arbeitnehmerinnen glänzen dabei in prekären Beschäftigungsverhältnissen, den Midi- oder Mini Jobs, oder in der Leih- und Kurzarbeit. Vollzeitstellen sind rar. Außerdem stieg die ausschließlich geringfügige Beschäftigung bei Frauen binnen fünf Jahren von 2,97 Millionen auf 3,32 Millionen. Verheiratete Frauen und Frauen mit Kind arbeiten heute deutlich weniger Wochenstunden als noch 2001, bei den Männern ist es konträr: Desto mehr Kinder er hat, desto mehr arbeitet er. Der Schein trügt also: Die Erwerbsquote von Frauen ist zwar angestiegen, das Arbeitsvolumen aber nicht – es verteilt sich jetzt nur anders. Die kurzen Arbeitszeiten sind nicht existenzsichernd, die Frau wird in die Rolle einer Zuverdienerin gedrängt.
Mit der Einführung von Studiengebühren wurde eine Hürde eingeführt, die für das weibliche Geschlecht ungleich schwerer zu überwinden ist, wie für das Männliche. Jobben neben dem Studium ist eine gangbare Lösung – allerdings führt der Nebenerwerb nicht selten zu einer längeren Studiendauer. Mit der Aufnahme eines verzinsten Studienkredits sind die angehenden Akademikerinnen gleich doppelt abgestraft, da sie nach erfolgreicher Beendigung des Studiums weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Im schlimmsten Fall verzögert sich die Familiengründung, da sich nach dem Studium eine finanzielle Last angehäuft hat, die es erst noch abzutragen gilt.
Als Frau hat man jede menge Spaß. Weniger Geld als der Kollege. Und wenn es um die Karriere geht eindeutig das Nachsehen. Wir haben zwar schon vieles erreicht, aber gleichgestellt sind wir noch lange nicht. Wenn wir uns genauso schnell wie bisher emanzipieren – Rückschläge nicht eingerechnet- ist es in ungefähr 280 Jahren so weit. Es lebe der Feminismus!