Meine Mutter sitzt mir quer gegenüber, uns trennt der Küchentisch. Sie sieht ein wenig verwundert aus, freut sich aber, dass ich sie frage. Sie soll mir etwas über den Krieg erzählen. Ich will wissen, wie sehr der zweite Weltkrieg ihr Leben verändert hat. Sie ist ein Kriegskind, 1943 geboren. Aufgewachsen zwischen Trümmern und Armut, herein geboren in die Zerwürfnisse der Geschichte.
„Ich weiß nicht mehr viel, ich weiß nur noch dass, was deine Oma mir erzählt hat“, sagt sie. Es fällt ihr schwer, nach der Erinnerung zu suchen. Sie fängt an zu erzählen, unchronologisch, wirr, mit einer eigenartigen, aber ihr eigenen Ausdrucksweise. Ich hake nach, ich muss oft fragen, um zu verstehen.
Der Vater
„Die Oma sagte, dass er in Russland gefrorene Kartoffeln und Futterrüben essen musste.“ „Er“, dass ist ihr Vater, den sie niemals richtig kennen lernen sollte. Mit der „Oma“ meint sie meine Großmutter, ihre Mutter. „Futterrüben, die haben normalerweise die Kühe zu Fressen bekommen“, ergänzt sie. Er sei in Russland stationiert gewesen, wann und wo genau, dazu hat sie keine Informationen. Gesichert ist, dass er später verwundet in ein Lazaret nach Branice im heutigen Polen verlegt wurde. Vergilbte Fotos in einem alten Familienalbum zeigen den ausgemergelten Mann, wie er sich mit weiteren Insassen ein Krankenzimmer teilt.
Am Kriegsende kam er aus ungeklärten Gründen nach Schkeuditz, im Landkreis Nordsachsen, wo er an einem bösartigen Magengeschwür verstarb. „Er war Steinsetzer von Beruf und hat gutes Geld verdient“, weiß meine Mutter. Davon habe die Oma, eine gottesfürchtige Frau die nie wieder geheiratet hat, immer profitiert. Sie habe eine gute Witwenrente erhalten Die Frau, die mir gegenüber sitzt, während ich eifrig protokolliere, weiß nicht mehr, wann ihr Vater ums Leben kam: Ob es 1945 oder sogar 1946 war? Er wurde 36 oder 37 Jahre alt, hat zwei Weltkriege erlebt, 1939 geheiratet, wurde kurz nach der Heirat einberufen, hat zwei Kinder gezeugt.
Viel Elend, ein zu kurzes, trauriges Leben, um von einem erfüllten Dasein sprechen zu können. Zu lang liegen die Ereignisse zurück, zu wenig wurde darüber in ihrer Familie gesprochen. Ich sollte doch ihre Schwester fragen, sagt meine Mutter, die sei drei Jahre älter und wüsste vielleicht noch ein bisschen mehr. „Ich kenne meinen Vater nicht. Ich war ein Jahr alt, als ich ihn das letzte mal sah.“ Und sie erzählt weiter. Berichtet von der Kindheit ohne Vater. Von ihrem Opa, der den kleinen Wildfang mit den roten Haaren sehr mochte, erzählt sie mir heute nicht. Und doch weiß ich, dass es ihn gab. Die einzige männliche Bezugsperson, in einem durch und durch von Frauen geführten Haushalt.
Die Kindheit
„Sie haben mich als Baby rumgetragen und wenn die Bomben explodiert sind, dann habe ich vor Schreck angefangen fürchterlich zu weinen. Die Angst ist mir bis heute geblieben“, erinnert sich meine Mutter. Das junge Mädchen, dass im deutschen Osterdorf geboren wurde, flüchtete vor den Kriegsunruhen mit ihrer Familie über die Grenze in die nahe gelegene Tschecheslowakei. „Ich war später noch zweimal da“, erinnert sie sich. Wie ein Täter, der immer wieder den Tatort aufsuchen muss. Es gibt Bilder, die lassen sie nicht los, sondern begleiten sie ein Leben lang. Einmal hat sie auch mich dorthin mitgenommen. Aber für mich war es nur ein Ort. Ein Ort mit viel Grün, gepflegt, mit schönen Geschäften.
Die Flucht in den Westen, die viele der Verwandten angetreten sind, sollte nicht so recht glücken. „Wir hatten bereits eine Pferdekutsche voll gepackt, aber die Tante hat uns wieder von der Kutsche runter gezogen und sagte: `Wir werden nicht fahren. Wir werden nicht verhungern fahren.´“ Und so blieb das kleine Mädchen in Osterdorf, aus dem schon rasch Niekazanice werden sollte. Aus dem deutschen Staatsgebiet, war inzwischen polnisches geworden.
„Für einen Betrag von 20 Sloty, das entspricht einem damaligen Wert von zwei Broten, haben wir die polnische Staatsbürgerschaft angenommen.“ Man versuchte sich zu assimilieren. Aber dennoch fühlte sich diese Familie als Deutsche innerhalb einer polnischen Mehrheit. „Für die Oma war das überhaupt nicht gut. Von den Polen wurde sie als Deutsche beschimpft. Auch wir Kinder wurden beschimpft.“
Flucht nach vorn
Mehr als dreißig Jahre später lernt sie meinen Vater kennen. Im Sommer 1980 besucht er sie in Polen, die Verwandtschaft kennt sich untereinander, ein Kontakt wird hergestellt. Rasch wird geheiratet, man hat nicht viel zu verlieren. Am zweiten Weihnachtsfeiertag verlässt meine Mutter Polen. Für immer. Es ist eine Reise ohne Wiederkehr. Ihre Mutter, meine Oma, nimmt sie gleich mit ins „gelobte Land“. „Als wir raus gefahren sind, lag wahnsinnig viel Schnee“, sagt meine Mutter. „Raus gefahren“ – eine geflügelte Redewendung, die nur sie benutzt. Es klingt immer noch nach Flucht.
„Es war schwierig den Antrag bewilligt zu bekommen.“ Wieder gerät meine Mutter in den Strudel der Geschichte. Die polnische Befreiungsbewegung Solidarność ist im vollen Gange, die Behörden haben momentan andere Probleme. Solidarność läutet bereits das Ende des Ostblocks ein, der neun Jahre später schließlich in sich zusammen bricht. Sie landet, zusammen mit meiner Oma, zunächst im Flüchtlingslager Friedland in Göttingen. Mutter weiß nur Gutes über es zu berichten: Es sei recht komfortabel gewesen. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Friedland kann sie Sylvester bereits in ihrer neuen Heimat verbringen. Sie hat es nicht bereut.