Ich kann mir schlecht vorstellen, dauerhaft auf dem Land zu leben. Ich verstehe auch gar nicht, wie die Leute jenseits der 20 in ländlichen Gefilden glücklich werden können. Aber nun gut, vielleicht muss ich das auch nicht verstehen. Ich finde es zwar ganz nett, von Zeit zu Zeit nach Hause zu fahren, aber da kann man davon ausgehen, dass dann auch andere Menschen da sind, mit denen man groß geworden ist. Und die man selten sieht, weil sich die Lebenswege trennen. Und das ist dann ja wieder schön. Aber da leben – nein danke.

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Da wo ich groß geworden bin, will kein Mensch wohnen… Abseits der Zivilisation.
Aber im Sommer ist es dort immer sehr idyllisch. Nachts alleine nach Hause laufen – das ist mir vertraut. Schon seid meiner Jugend war das manchmal eine Notwendigkeit. Deshalb macht es mir auch keine Angst, nachts alleine durch den Wald zu laufen, durch die Dortmunder Nordstadt oder durch Berlin Wedding, oder in Köln alleine den Weg zum Bahnhof finden zu müssen, weil ich alle verloren habe. Macht mir alles nichts, kenne ich alles schon…

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Ich kenne Wohnheime nur aus meiner Zeit in Berlin. Und auch ansonten habe ich jede Wohnform durch. Momentan wohne ich in einer WG, weil ich das alleine wohnen am Anfang des Studiums nicht mochte. Da habe ich ständig meine Freunde angerufen, weil ich die Stille nicht ertragen konnte. Und eigentlich habe ich mir geschworen, so lange mit anderen zusammen zu wohnen, bis ich jemanden gefunden habe, mit dem ich zusammen ziehen kann.

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Meine Mutter hat mich erst heute noch gefragt, ob ich den Weihnachten Gänsebraten mitessen würde und ich entgegnete „Nein“. Für mich gibts wahrscheinlich wieder eine Sonderration Fisch. Mama wurde in Oberschlesien geboren. Da isst man offensichtlich gerne Gänsebraten und zwar mit „Weihnachtstunke“. Und die hat es bisher jedes Jahr gegeben. Die blauen, roten und grünen Kugeln auf dem Tannenbaum wurden mit goldenen getauscht, die Weihnachtstunke blieb. Immer und jedes Jahr. Da verzichte ich schon seit Jahren liebend gerne drauf - ich nenne es seit Kindertagen schon Weihnachtsmatsche, weil das eine dickflüssige braune Soße ist, die mindenstens so eklig schmeckt wie sie aussieht und den Gänsebraten aufwarten soll.Letztens Jahr gab es für mich Lachs in Blätterteig, eindeutig die bessere Alternative zum Fest. So viel zum Gänsebraten. Mit Weihnachtsmatsche.

 

Das nasskalte Wetter war zwar eher untypisch für die Jahreszeit, das schadete der vorweihnachtlichen Stimmung aber keineswegs. Am ersten Adventssonntag stimmten sich die Besucher auf dem Wambeler Weihnachtsmarkt, der rund um die evangelische Jacobuskirche stattfand, auf die kommenden vier Wochen ein. Mit einem abwechslungsreichen Programm für jung und alt und in angenehmer Atmossphäre hauchte die Arbeitsgemeinschaft Wambeler Bürger und Vereine dem Geist der Weihnacht Leben ein.

Schon vor der Kirche wehte den Besuchern der Duft von gebrannten Mandeln und Glühwein um die Nase. Englische und deutsche Weihnachtslieder ertönten, das Karussel erhellte die Dunkelheit mit seinen blickenden Lichtern, helle Kinderstimmen waren zu hören. Aber nicht nur draußen vernahm man verzückte Laute, sondern auch im festlich mit roten Adventsgestecken dekorierten Innenraum der Kirche. „Der Nikolaus, der Nikolaus“, ertönte es, als die kleinen Erdenbürger den Weihnachtsmann erblickten.

Voller Vorfreude auf das was da kommen mag umringten die Steppken den Mann im roten Gewand. Auch die Eltern ließen es sich nicht nehmen, ein paar Fotos von ihrem Nachwuchs zu machen. Sowohl am Samstag als auch am Sonntag verteilte der Nikolaus für die Kleinen Geschenke. Und das nicht allein, sondern in Begleitung eines blond gelockten Engels.

Die Kinder müssen alle etwas vortragen“, erklärte Johanna Hanswillemenke, die erste Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Wambeler Bürger und Vereine. Das könnten Lieder, Gedichte oder kurze Sprüche sein, so Johanna Hanswillemenke weiter. Das Geschenk erhalten sie dann als Belohnung. „Das Schönste ist, dass die Kleinen keine Scheu davor haben“, freute sich die Vorsitzende. Dabei lächelte sie und fügte hinzu: „Auch unser Nikolaus sagt, dass es schön sei in die leuchtenden Augen der Kinder zu sehen.“

Leuchtende Augen haben auch Melina und Emma, beide 3 Jahre alt. Nach dem Besuch vom Weihnachtsmann sind die Beiden immer noch ganz aufgeregt. Für Melina hatte er einen kleinen Pinguin, für Emma einen Schneeman dabei. „Mit ´nem Magneten“, stellte Melina sodann fest. Die Zwei haben es ganz schön eilig, denn draußen wartete das Karussel auf sie.

Aber nicht nur Kinderherzen schlugen höher. Die Arbeitsgemeinschaft der Wambeler Bürger und Vereine schaffte es, für Stimmung in jeder Altersklasse zu sorgen. Der evangelische Posaunenchor Dortmund- Brackel bezauberte am Samstag die Besucher. Anschließend heizten die jungen Damen der Tanzgruppe Time-Dance mit ihrer Christmas Show die Anwesenden mächtig ein.

Am Sonntag sorgten dann die Tanzschule Aggi Mennigmann und die Zwar-Singers, die Seniorengruppe Scharnhorst, für eine vergnügliche Atmossphäre. Auch das kulinarische Wohl kam nicht zu kurz, denn am gleichen Tag stand auch „Erbsensuppe wie bei Muttern“ auf dem Plan. Es sei ein Programm mit Tradition, stellte Johanna Hannswillemenke abschließend fest, denn den Weihnachstmarkt gäbe es bereits mehr als 25 Jahre. „Ich finde es prima, dass so viele Menschen ehrenamtlich mitarbeiten“, lobte die Vorsitzende.

Eine von ihnen ist Monika Kohl, ebenfalls im Vorstand der Wambeler Bürger und Vereine aktiv. Ihre selbst angefertigte Adventsdekoration verkauft sie für den guten Zweck. Der Erlös ist für eine Krankenhausstation in Indien bestimmt. „Wir sind mit einer indischen Schwester in Kontakt und erfahren so, wie das Geld verwendet wird“, betonte Monika Kohl. Ihre Adventskränze und Gestecke seien besonders beliebt bei den Senioren gewesen, erzählte sie.

Diese hatten bereits am Freitag ihren „großen Tag“, denn da fand der Seniorennachmittag statt. Der Männerchor der Dortmunder Actien- Brauerei sorgte für die akkustische Untermalung. Am frühen Abend begeisterte Dieter T mit seiner Musik. „Die Senioren haben alles kostenlos erhalten“, erklärte Johanna Hanswillemenke. Möglich gemacht worden sei dies durch die Spenden zahlreicher Wambeler Firmen. „Es haben 168 Senioren teilgenommen“, erläuterte sie, „zusammen mit den ehrenamtlichen Helfern waren über 200 Personen anwesend.“

Die 89jährige Irmgard Moss war eine der Anwesenden. Besonders gut gefallen habe ihr der Männergesangsverein, so die alte Dame. Auf die Frage, wie ihr das Programm auf dem Wambeler Weihnachtsmarkt gefallen habe, erklärte sie: „War alles super. Bis auf das Wetter.“

Zarte Kurskorrektur

Vielleicht war es die Erleichterung, vielleicht war es die Überraschung, vielleicht die Zufriedenheit, die die Delegierten auf dem Parteitag in Dresden zum Ausdruck gebracht haben: Es ging ein Raunen durch den Saal, als das Ergebnis des neuen Parteivorsitzenden verkündet wurde. Auf Sigmar Gabriel entfielen 472 Ja-Stimmen, das bedeutete eine Zustimmung von 94,2% der Stimmen.

 

Zweifelsohne – ein Traumergebnis für den neuen Vorsitzenden. Mit solch einem fulminanten Ergebnis hat wohl niemand gerechnet, am allerwenigsten Sigmar Gabriel selbst. Es sei ein Vertrauensvorschuss, das ihm die Delegierten ausgesprochen haben, konstatierte der ehemalige Umweltminister. Sigmar Gabriel vermochte es, rhetorisch brilliant und nicht ohne Selbstironie die Delegierten von seinen Fähigkeiten zu überzeugen. Seine Rede war mitreißend, er verbreitet Aufbruchstimmung und avancierte rasch zum neuen Hoffnungsträger der SPD. Und diesen hat die Sozialdemokratie momentan bitter nötig.

 

Tatsächlich – auch wenn der SPD Parteivorsitz eines der schönsten Ämter neben dem des Papstes ist, ist es trotzdem kein einfaches. Sieben Wochen nach der Bundestagswahl und dem damit verbundenen 23% Debakel, muss der „alten Tante SPD“ wieder neues Leben eingehaucht werden. Es ist fünfzig Jahre her, dass das Godesberger Programm verabschiedet worden ist. Die SPD vollzog den Wandel von einer Arbeiterpartei zu einer modernen Volkspartei. Auch auf dem Dresdner Parteitag sollte der mitreißende Geist des Aufbruchs beschworen werden. Heraus gekommen ist allerdings eine sehr zarte Korrektur des bisherigen Kurses.

 

Der scheidende Kapitän der SPD Franz Müntefering vermied es, kritisch mit seiner eigenen Politik ins Gericht zu gehen. Rente mit 67, Hatz IV oder die Agenda 2010 wurden nur marginal gestreift, die kritische Auseinandersetzung blieb aus. Und auch sonst wirkte es eher so, als wenn die Delegierten das Erbe Münteferings nicht echauffieren wollten. Lediglich die Juso-Vorsitzende Franziska Drohsel brachte frischen Wind in alte Gemäuer. Sie konnte sich mit ihrem Antrag zur Vermögenssteuer auf dem Bundesparteitag durchsetzen. Um formal einer Niederlage zu umgehen, nahm die Parteispitze ihren Antrag schließlich an. Wenn die SPD wieder die Partei der – oft beschworenen- sozialen Gerechtigkeit sein will, sollte sie ihre Politik mit Leben füllen. Ein Anfang ist auf dem Bundesparteitag gemacht worden. Wenn auch nur ein zarter.

Feminismus ist tot. Wir brauchen keinen Feminismus, wir sind emanzipiert genug. Die lila Latzhose gehört in die Kleidersammlung, nicht in den Schrank. Wir feiern, rauchen, ver- und entlieben uns, haben Spaß und Geld, in punkto Bildung die Nase vorn. Was will Frau mehr? Im November 2008 feierten wir Jubiläum: Vor 90 Jahren durften wir zum ersten Mal wählen. Ein Meilenstein in der Geschichte der Emanzipation. Seitdem hat sich viel getan. Im Mai dieses Jahres steht der Gleichstellungsartikel 60 Jahre im Grundgesetz, das Gleichberechtigungsgesetz trat vor 50 Jahren in Kraft.

 

 

 

 

Die 68er haben uns den Weg geebnet. Mit dem Tomatenwurf auf der Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt wurde der Abgesang auf patriarchalische Strukturen eingeläutet. „Ich habe abgetrieben“ – so der Titel einer Kampagne des Sterns, die aufgedeckt hat, wie es in der deutschen Gesellschaft Anfang der 70er Jahre wirklich aussieht. Danke Feministinnen, ihr habt ausgedient! Unsere Gesellschaft ist liberal, uns steht die Welt offen, wir können alles erreichen, wenn wir bloß wollen. Aber warum blicken unsere Geschlechtsgenossinnen uns mit perleweißen Lächeln von Plakatwänden an und sitzen nicht in den Chefetagen der Werbeagentur?

 

Wir haben jetzt eine Bundeskanzlerin, dieses christdemokratische Alpha Weibchen ist allerdings die Ausnahme, die die Regel zu bestätigen scheint: Seit dem Bestehen der Bundesrepublik hat es über 100 Ministerpräsidenten gegeben und mit der Sozialdemokratin Heide Simonis nur eine Ministerpräsidentin. Die Gesellschaft wird auf diese Weise nicht repräsentiert, aber die patriarchalische Struktur in ihr. Was für die Politik gilt, gilt auch für die deutschen Chefetagen: In Großbetrieben mit mehr als 500 Angestellten ist die Frau eine selten gesichtete Spezies, mittelständische oder kleinere Unternehmen werden dagegen schon häufiger von Frauen geleitet. Im Europäischen Vergleich ist Deutschland bestenfalls Mittelmaß, was die Unternehmensführung von Frauen betrifft. Sogar in Frauendominierten Branchen, wie dem Gesundheitswesen oder dem Dienstleistungssektor gelangen die Geschlechtsgenossinnen nur selten die Führungsetagen. Sie sind mit 10% vertreten, was bedeutet, dass 90% der Männer auch in so genannten Frauenberufen die Hosen anhaben.

 

Viele Hochqualifizierte Frauen sehen sich mit der gläsernen Decke konfrontiert. Gläsern, da sich diese unsichtbare Hierarchieebene nicht überwinden lässt. Die Frauen erbringen die gleichen Leistungen – oder sogar noch bessere- als ihre männlichen Kollegen, wenn es um die Beförderung geht, haben sie allerdings das Nachsehen. Da ergattert der nette männliche Kollege den Job. Woran liegt das? Oftmals setzt der Personalchef stillschweigend voraus, dass Frau Kinder bekommt und die Firma sie somit zeitweise entbehren muss. Neben der männlichen Netzwerkstruktur haben die weiblichen Angestellten zudem mit tief in dieser Gesellschaft verankerten Vorurteil zu kämpfen, dass die weibliche Selbstverwirklichung in heimischen Gefilden stattfinden müsse.

 

Auch bei den Gehältern hat das weibliche Geschlecht das Nachsehen. Im Schnitt bekommen Frauen 22% weniger Gehalt für die gleiche Tätigkeit wie ihre männlichen Kollegen. Im EU- Durchschnitt beträgt der Gehaltsunterschied 15%, Deutschland liegt darunter. Frauen sind noch immer in schlechter bezahlten Branchen beschäftigt: Sie sind Frisörin, Krankenschwester oder Arzthelferin – klassische Frauendomänen. Dies liegt nicht zuletzt an einer geschlechtstypisch organisierten Arbeitsteilung – die vermeintlich klassisch weiblichen Eigenschaften wie Kreativität oder Einfühlungsvermögen haben in der Bundesrepublik nicht die Lobby, die männliche Attribute wie Willensstärke oder Durchsetzungsvermögen haben. Einmal Krankenschwester – immer Krankenschwester. Vielen dieser Berufe fehlt die Perspektive zur Weiterentwicklung, Selbstverwirklichung und Aufstiegschancen.

 

Während Frauen sich oftmals bewusst für Berufe entscheiden, in denen sie auch in Teilzeit arbeiten können, damit einer Familiengründung nichts im Wege steht, haben junge Männer immer noch das Alleinernährermodell im Hinterkopf. Deshalb frisiert uns seltener ein Mann die Haare oder bestückt die Regale im Warenhaus, diese Arbeiten werden einfach zu schlecht entlohnt. Ähnliches lässt sich auch für den akademischen Nachwuchs beobachten. Die weibliche Zunft immatrikuliert sich häufig in geisteswissenschaftliche Fächer, verbunden mit geringeren Gehaltsaussichten und schlechteren Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Der Lehrerinnen Beruf ist nicht zuletzt im Hinblick auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf beliebt – Teilzeitstelle vorprogrammiert.

 

Tatsächlich haben Frauen auf dem Arbeitsmarkt in den letzten Jahren mächtig aufgeholt, der Jahresdurchschnitt 2008 mit 8,2% Erwerbslosen lag dennoch vor dem der Männer mit 7,2%. Viele Arbeitnehmerinnen glänzen dabei in prekären Beschäftigungsverhältnissen, den Midi- oder Mini Jobs, oder in der Leih- und Kurzarbeit. Vollzeitstellen sind rar. Außerdem stieg die ausschließlich geringfügige Beschäftigung bei Frauen binnen fünf Jahren von 2,97 Millionen auf 3,32 Millionen. Verheiratete Frauen und Frauen mit Kind arbeiten heute deutlich weniger Wochenstunden als noch 2001, bei den Männern ist es konträr: Desto mehr Kinder er hat, desto mehr arbeitet er. Der Schein trügt also: Die Erwerbsquote von Frauen ist zwar angestiegen, das Arbeitsvolumen aber nicht – es verteilt sich jetzt nur anders. Die kurzen Arbeitszeiten sind nicht existenzsichernd, die Frau wird in die Rolle einer Zuverdienerin gedrängt.

 

Mit der Einführung von Studiengebühren wurde eine Hürde eingeführt, die für das weibliche Geschlecht ungleich schwerer zu überwinden ist, wie für das Männliche. Jobben neben dem Studium ist eine gangbare Lösung – allerdings führt der Nebenerwerb nicht selten zu einer längeren Studiendauer. Mit der Aufnahme eines verzinsten Studienkredits sind die angehenden Akademikerinnen gleich doppelt abgestraft, da sie nach erfolgreicher Beendigung des Studiums weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Im schlimmsten Fall verzögert sich die Familiengründung, da sich nach dem Studium eine finanzielle Last angehäuft hat, die es erst noch abzutragen gilt.

 

Als Frau hat man jede menge Spaß. Weniger Geld als der Kollege. Und wenn es um die Karriere geht eindeutig das Nachsehen. Wir haben zwar schon vieles erreicht, aber gleichgestellt sind wir noch lange nicht. Wenn wir uns genauso schnell wie bisher emanzipieren – Rückschläge nicht eingerechnet- ist es in ungefähr 280 Jahren so weit. Es lebe der Feminismus!

Eigentlich führt die Ich-Erzählerin Augusta ein belangloses Leben. Wäre da nicht ihre beste Freundin BE, ein Miststück, wie Augusta immer wieder versichert. Be ist eine Narzistin durch und durch – die Schuld am eigenen Versagen gibt sie ihren Mitmenschen. Diese sind nichts weiter als eine bloße Staffage auf ihrer kleinen Lebensbühne. Einsamkeit kompesiert Sie mit Spaß und Extase.

Auf der Suche nach sich selbst und ein bisschen Glück schlittert BE von einem Extrem ins Nächste. Sie liebt die Männer, verdreht ihnen städig den Kopf, sucht Kicks beim Sex oder als Feministin. Als BE aus ihrer vermeintlich spießigen Familienydille mit Karl und den Kindern ausbricht, landet sie bei einer Frau.

 

Zaungast Augusta bleiben die Ereignisse nicht verborgen. Und ganz nebenbei erkennt sie, dass das Leben mehr für sie bereit hält, als die Rolle der besten Freundin. Elke Naters Roman „Lügen“ führt einem die Traurigkeit menschlichen Daseins vor Augen. Ihre Figuren sind gierig auf das Leben.

Dabei müssen sie die Abgründe und Klippen des Lebens umschiffen oder mit gängigen gesellschaftlichen Konventionen brechen. Die Erzählung changiert zwischen der kompletten Brandbreit menschlicher Empfindungen. Leicht verständlich und gut lesbar verbirgt sich hinter der einfachen Sprache Elke Naters wahre Tiefe.

Peace“ – so lautet der Titel Alexa Hennig von Langes jüngsten Roman. Dabei geht es in der Welt von Joshua alles andere als friedlich zu. Als einziger Sohn einer militanten Anhängerin der 1968er Bewegung, hat der siebzehnjährige mehr erlebt, als das Jugendamt erlaubt. Sein Vater hat sich bereits während seiner Kindheit aus dem Staub gemacht. Bei einem Besuch von Willem, dem Drogendealer seiner alten Dame, gibt dieser sich als sein eigentlicher Erzeuger zu erkennen.

 

Alexa Henning von Lange bedient so ziemlich jedes Klischee, was die 1968er Generation hergibt: Drogen, freie Liebe und Beatmusik, dabei streift sie auch immer wieder die geistigen Vordenker der Bewegung. Die arglose Bonnie – Joshuas durchgeknallte Mutter – ist selbst das Kind von Eltern mit nationalsozialistischer Gesinnung. Sie wurde hart und autoritär erzogen – ihr Sohn fällt schließlich ihrer antiautoritären Erziehung zum Opfer. Als ihr ersten Mann bei einem Flugzeugabsturz ums Leben Leben kommt, begibt sie sich aus Solidarität mit den ehemaligen RAF- Häftlingen in Isolationshaft auf dem Gästeklo.

 

Alexa Henning von Lange zeichnet eine „Familie“ fernab jeglichen Rollenverständnisses. Mit seinem eigenem Leben überfordert, fühlt Joshua sich immer wieder für seine ewig jung bleiben wollende Mutter verantwortlich. Nach und nach immer ziehen immer mehr Menschen in das gemeinsam Haus ein, experimentieren mit Drogen und reifen zu einer Art jugendlicher Ersatzfamilie. Darunter auch Bonnies neuer Freund, der ungefähr genauso alt wie ihr eigener Sohn ist.

 

Peace“ ist auch ein Roman über das Erwachsen werden und das nie Erwachsen sein wollen. Mit schreiend komischen Figuren führt Alexa Hennig von Lange vor, dass es Geschlechteridentitäten und Beziehungsformen abseits der Norm gibt. Dabei zündet sie ein Feuerwerk voller Überraschungen – mit manchmal streckenweise ekelhaften Geständnissen aus dem Leben ihrer Protagonisten. Verständlich und locker geschrieben ist der Roman garantiert niemals trist – sondern ganz schön abgefahren.

 

Für die Fahrt von Berlin nach Paris werden sieben Menschen in einem Zugabteil zu Weggefährten. Jeder in diesem Abteil hat ein tragisches Geheimnis, dass ihn zur Abreise zwingt. Vordergründig geht es in Irmgard Keuns 1938 erstmals erschienen Werk „D-Zug dritter Klasse“ um Lenchen und Karl, die 9000 Euro über die Grenze nach Frankreich schaffen sollen. Zur Hilfe kommt ihnen dabei die geistig verwirrte Tante Camilla. Sie ist unverheiratet und dafür bekannt, dass sie sich regelmäßig von der Verwandtschaft aushalten lässt. Wenn man ihr Geld gibt, so sieht es niemand mehr wieder. Die Grenzkontrolle passieren die Protagonisten noch mit Bravour. Tante Camilla erweist sich später allerdings als unberechenbar. Die Erzählung endet mit einem unerwarteten und verblüffenden Ausgang.

 

Neben der Rahmenhandlung der Geschichte entblättert Irmgard Keun ganz nebenbei die tragisch komischen Verfehlungen der anderen Insassen. Mit antiquiert anmutender und bildreicher Sprache erhält der Leser einen Einblick in die rigide Gesellschaft des dritten Reichs. Besonders die Beziehung zwischen Karl und Lenchen zeugt von Standesunterschieden und gesellschaftlichen Tabus. Auf der Suche nach Liebe und ein kleinwenig Glück schlittert Lenchen von einer Liebschaft in die nächste. Diese münden dann stets in ernsthafte Heiratsversprechen, denen sich Lenchen entziehen muss.

 

Irmgard Keun entführt den Leser in eine für heutige Verhältnisse vollkommen andere, fremde Welt. Das, und auch der gut lesbare und anschauliche Sprachstil machen den Reiz von „D-Zug dritter Klasse“ aus.

„Ich bin´s“ der zweite Roman der Autorin Alexa Henning von Lange hat es in sich. Mit schnodderiger Sprache und ausdrucksstarken Bildern katapultiert sie den Leser in die Welt von Lars. Eigentlich liebt Lars seine Mimi-Mia. Hätte sie bloß keine rosafarbene Kopfhaut, die ihm regelmäßig entgegen schimmert. Denn Mia hat sich ihre Haar schon viel zu oft blondiert -das führt zu Haarausfall. Und dann will sie auch noch ständig Liebe, das nervt! Seine Probleme löst der hippe Fotograf durch gelegentlichen Koks Konsum und dem Kauf von neuen Nike Airmax.

 

Zum Glück gibt es da noch Lotter-Lilly, seine attraktive Nachbarin, die er regelmäßig durch sein Fenster beobachten kann. Aber auch die soll schon rasch für Turbulenzen sorgen. Eines Tages vergisst Lilly ihren Haustürschlüssel und nistet sich kurzerhand bei Lars ein, um auf den Schlüsseldienst zu warten. Aufdringlich wie Lilly ist, will sie Lars Dusche benutzen. Als Mia später die Hose von ihrem Freund in der gemeinsamen Wohnung entgegen nimmt, Lilly brauchte nach dem Duschen unbedingt eine Frische, kommt es zur Katastrophe.

 

Die Figuren der Melange à trois Lars, Mia und Lilly wirken klischeehaft überspitzt, was dem Roman dennoch nicht schlecht bekommt: Lars ist der lässig-kühle, Mia neigt zur weiblichen Hysterie und Liebesbedürftigkeit, Lilly wirkt verführerisch naiv und will Sex. Eine Priese Orientierungslosigkeit hat Alexa Henning von Lange den Gestalten in ihrem Roman noch zusätzlich eingeimpft, so dass alle wunderbar pathologisch wirken. Ein klasse Buch, leicht lesbar und garantiert niemals langweilig.

Drogenepos, Revolutionsschrift, Autobiographie- kein anderes literarisches Werk außer Bernward Vespers Romanessay „Die Reise“ vermag es die Stimmung einer ganzen Generation im Aufbruch einzufangen. Mit seinem Erstlingswerk – es sollte auch das letzte des Autors sein – 1971 nahm sich der Schriftsteller das Leben, setzte er den 1968ern ein literarisches Denkmal. 1977 erschienen führte der das Buch seiner Zeit die Bestsellerlisten der Bundesrepublik Deutschland an und wurde in den Feuilletons führender, deutscher Zeitungen besprochen.

 

 

Der Autor, der mit der späteren RAF- Terroristin Gudrun Ensslin einen Sohn zeugte, ist durch und durch ein Kind seiner Zeit. 1938 geboren, erlebt Bernward Vesper die noch junge Bunderepublik Deutschland und ihre soziale Identität. Hart rechnet er dabei mit der Vergangenheit seines Vaters, dem Nazi-Dichter Will Vesper ab, beschreibt die revolutionäre Aufbruchstimmung zwischen Kommune I und SDS.

 

 

Er nimmt den Leser mit auf eine Reise durch Zeit und Bewusstsein: Immer wieder widmet er sich Kindheit und Jugend auf dem väterlichen Gut, beschreibt Reisen und bewusstseinserweiternde Erfahrungen auf seinen Drogentrips. Er schockiert mit persönlichen Details aus dem Leben seiner Familie, spricht über sexuelle Wünsche oder Onanie. Dabei verwendet Vesper einen changierenden Sprachstil: Streckenweise benutzt er eine sehr antiquierte, schlecht zugänglichen Sprachduktus, um anschließend mit obszönen und provokanten Aussagen zu provozieren.

 

Der Inhalt ist nicht stringend. Bernward Vesper wechselt ständig zwischen den Erlebnissen. Eingefügte Zeichnungen und Zeitungsausschnitte machen es zu einer literarischen Montage. Verweise auf mythische Heldengestalten oder literarische Vorbilder lassen erkennen, über was für ein großes literarisches Vorwissen der Autor verfügte. Bernward Vespers „Die Reise“ ist für den Leser nicht immer leichte Kost. Es ist ein Buch, auf das man sich einlassen muss, um es zu verstehen. Aber genau das macht „die Reise“ lesenswert.